Kinderarbeit mitten in Europa

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Kinderarbeit-Europa

In Italien muss jedes zwanzigste Kind Geld verdienen, um seine Familien zu unterstützen. Diese Minderjährigen arbeiten illegal, oft unter gefährlichen Bedingungen. Doch die Behörden schauen weg.

Der Tag des neunjährigen Buben aus Neapel beginnt früh – um halb fünf Uhr morgens. Da muss er seinen Job am Fischmarkt von Neapel antreten: „Bis um drei Uhr nachmittags schleppe ich Eis. Ich habe immer Schnupfen. ,Daran musst du dich gewöhnen‘, sagt mein Chef. ,Du bist jung‘.“ 50 Euro pro Woche erhält der Bub dafür.

Mehr Geld verdient in Mailand der 13-jährige K. aus Ägypten. Dafür ist sein Job noch anstrengender: Um fünf Uhr öffnet er das Obst-Geschäft, den Großteil seines Tages verbringt er in einem kleinen Hinterzimmer, wo er Kisten ordnet, Obst und Gemüse putzt. Manchmal hilft er beim Verkauf, manchmal schleppt er Stammkunden den Einkauf nach Hause. Nach Ladenschluss räumt er noch auf. K. arbeitet bis 23 Uhr, sieben Tage die Woche. Es kommt vor, dass er im Geschäft übernachtet. Das wird ihm dann vom Wochengehalt – 200 Euro – abgezogen.

Und da ist noch der Zehnjährige, der in Neapel auf der Baustelle schwere Zementsäcke schleppen muss, dafür zehn Euro pro Woche bekommt und unter chronischen Rücken-schmerzen leidet. Oder die 14-Jährige in Bari, die hochgiftiges Haarfärbemittel mischt, für 15 Euro für die ganze Woche.

Das sind keine Einzelfälle. Kinderarbeit ist auch mitten im hochindustrialisierten Europa verbreitet: In Italien schuften 260.000 Sieben- bis 15-Jährige so intensiv, dass dadurch ihre Schulausbildung beeinträchtigt wird, schätzt die Organisation „Save the Children“ in einer neuen Studie. Das ist jedes 20. Kind in Italien. Legal ist daran selbstverständlich gar nichts: Laut italienischem Recht dürfen Unter-16-Jährige nur dann arbeiten, wenn es sich um einen Job „im Kultur- oder Werbebereich“ handelt und dieser nicht eine Aus-bildung verhindert. Schule ist in jedem Fall bis zum 16. Geburtstag verpflichtend.

Soziale Abwärtsspirale. Die Realität sieht aber anders aus. Im ganzen Land arbeiten Kinder – häufiger im ärmeren Süden, vor allem in Metropolen wie Palermo, Neapel oder Bari. Doch auch im wohlhabenderen Norden müssen Kinder Geld verdienen. Die meisten sind sehr jung, wenn sie ihren ersten Job antreten: 72 Prozent der Jugendlichen, die im Bericht von „Save the Children“ befragt werden, waren kaum älter als 13 Jahre.

Etwa drei Prozent von ihnen begannen schon davor, Geld zu verdienen. Am häufigsten sind Teilzeitjobs in Cafés oder Restaurants, im Handel oder am Feld. Jeder Vierte arbeitet mehr als fünf Stunden pro Tag, 26 Prozent verdient täglich Geld.

Um die klassischen Nebenjobs vieler Teenager – etwa Babysitter – geht es in der Studie nicht. Sondern „ausschließlich um Arbeiten, die die altersgerechte Entwicklung eines jungen Menschen sowie sein Recht auf eine Schulausbildung beeinträchtigen“, präzisiert Katia Scannavino, eine der Autorinnen der Studie. Scannavino weist auf die hohe Schul-abbrecherquote unter Kindern hin, die regelmäßig Geld verdienen müssen.

Tatsächlich sagte ein Drittel der Befragten, dass es „zu anstrengend“ sei, neben der Arbeit auch zur Schule zu gehen. Viele wollen aber zunächst gar nicht die Schule verlassen. Mit der Zeit geben sie jedoch trotzdem auf – weil sie die Klasse wiederholen müssen, weil sie es einfach nicht schaffen. Andere wiederum sind von Beginn an überzeugt, dass ihnen die Schule ohnehin nichts bringt.

In den allermeisten Fällen erweist sich der zu frühe Eintritt in den Arbeitsmarkt als unaufhaltbare soziale Abwärtsspirale. Denn diese Kinder haben keine Qualifikationen, fast immer werden sie für Billigjobs engagiert. Nur selten holen sie später eine Aus-bildung nach. „Wenn Kinder Geld verdienen müssen, werden sie meist ausgebeutet. Sie haben ja keine Rechte, da sie illegal arbeiten. Und sie werden viel zu früh, mit Gewalt – sprachlicher, physischer, psychischer – konfrontiert, die sie lebenslang prägt,“ sagt Scannavino.

Eltern brauchen Geld. Oft sind es mittellose Familien, die ihre Kinder zum Arbeiten drängen. So war es auch bei D. aus Neapel. Der 18-Jährige mit den ordentlich nach hinten gekämmten schwarzen Haaren und dem ernsten Gesichtsausdruck stammt aus dem Armenviertel Barra. Die Kriminalitätsraten gehören hier zu den höchsten des Landes, das Sagen hat die neapolitanische Mafia, die Camorra. „Eigentlich wollte ich etwas lernen. Aber dann habe ich die Schule verlassen. Wir hatten kein Geld, um die Bücher zu be-zahlen“, sagt er in einer Video-Aufzeichnung von „Save the Children.“ „Erst habe ich als Maurer gearbeitet. Von acht bis 18 Uhr, für 40 Euro die Woche. Vertrag hatte ich keinen, ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.“ Kein außergewöhnliches Schicksal in Barra: „Die meisten Kinder arbeiten hier. Viele sagen, um Geld fürs Ausgehen zu verdienen. Aber in Wahrheit sind es die Eltern, die das verlangen.“

Die Wirtschaftskrise verschärft das Problem. Durch steigende Arbeitslosigkeit und Verarmung der Familien werden immer mehr Kinder von ihren Eltern in den illegalen Jobmarkt gedrängt. Anderseits werden auch für die Kleinen die Arbeiten knapper – und sie landen auf der Straße. Oft geraten sie in die Fängen krimineller Gruppen. Scannavino erzählt vom Sozialarbeiter eines Elendviertels von Neapel, der betonte: „Uns ist es lieber, die Kinder arbeiten, da haben wir sie unter Kontrolle“. Als die Baubranche in die Krise geriet, hätten auch Kinder des Viertels den Job verloren: „Die Camorra rekrutierte sie sofort als Drogenkuriere.“

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Eines der größten Hindernisse ist die soziale Akzeptanz von Kinderarbeit. Arbeitende Kinder gehören in vielen Gegenden zum normalen Stadtbild. Scannavino erzählt vom Polizisten, der in Palermo versuchte, Arbeitgeber anzuklagen, weil diese Unter-16-jährige Jugendliche beschäftigten. „Dieser Polizist rannte nur gegen Mauern. Und irgendwann gab er auf.“

„Dem Staat sind wir egal.“ Hinzu kommt das Versagen staatlicher Institutionen. Auf höchster politischer Ebene habe man offenbar keine Ahnung, dass das Jugendschutz-gesetz regelmäßig gebrochen werde, beklagt Scannavino: „Im Arbeitsministerium war man bestürzt, als man unseren Bericht las. Das zeigt, wie weit die Politik von der sozialen Realität schon entfernt ist.“

Die jungen Einwohner vom Armenviertel Barra in Neapel wissen hingegen, dass die Politiker nicht für sie da sind. „Schon ein kleines Kind argumentiert hier so: Dem Staat bin ich egal. Die Camorra, die gibt mir zumindest Arbeit“, sagt D., der hier aufgewachsen ist.

Und fügt verbittert hinzu: „Zu vielen hier wurde die Kindheit zerstört. Aber wenigstens unsere Kindheit – die könnte man uns doch lassen.“

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Quellen: EPA/diepresse.com vom 14.07.2013

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